Gemeindemagazin


Wie geht’s dem deutschen Wald?
Ein Interview mit dem angehenden Förster Joachim Thein (BA Forstwissenschaft TU)

Joachim Thein
Bildrechte: J. Thein


Was reizt dich persönlich an Wald und Natur, warum wirst du Förster?

Der Wald ist der schönste Arbeitsplatz den es überhaupt gibt! Die Geräusche und Gerüche sind herrlich. Und dann ist da der Reiz, etwas gestalten zu können, für bis zu 2.000 Hektar Wald zuständig zu sein. Aber auch die Arbeit mit den Menschen, die etwas mit dem Wald zu tun haben ist reizvoll. Da gibt es ganz viele Bereiche, die ich sehr spannend finde.

Auf unserem Waldausflug von „Männer Aktiv“ hast Du uns den Ebersberger Forst gezeigt. Wie geht’s dem Deutschen Wald im Allgemeinen?

Grundsätzlich ist der Zustand ziemlich besorgniserregend. Im letzten Jahr wurde der Waldzustandsbericht veröffentlicht: Nur noch etwa 20% der Bäume sind ohne Schäden, 80% weisen Schäden auf.

Was sind das für Schäden?

Das sind Schäden, die durch den Klimawandel verursacht werden, vor allem durch lange Trockenheit und große Hitze. Die Jahre 2018- 20 waren drei Dürrejahre hintereinander, die Bodenwasserspeicher sind erschöpft. Zusammen mit der Hitze schwächt das die Abwehrkräfte der Bäume, so dass verschiedene Schädlinge ein leichtes Spiel haben, ich denke z.B. an die Borkenkäferschäden bei der Fichte.

Problematisiert wird auch die landwirtschaftliche Überdüngung. Deutschland ist dafür schon von der EU abgemahnt worden. Was bewirkt Nitrat im Wald?

Wegen der Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen und insbesondere durch Abgase von Verbrennungsmotoren und Industrieanlagen kommt wesentlich mehr Stickstoff über den Regen in den Wald. Im Wald in Bayern sind das circa 130kg pro Hektar pro Jahr. Obwohl Pflanzen Stickstoff grundsätzlich benötigen, ist das ein großer Nachteil für viele Bäume, weil u.a. die Nährstoffverhältnisse verschoben werden. Die Aufnahme von anderen Nähr- elementen wie Magnesium wird dadurch erschwert. Das hat auch negativen Einfluss auf die Holzqualität und die Stabilität der Bäume, da beispielsweise die Wurzel geschädigt werden. Außerdem werden am Boden stickstoffliebende Pflanzen wie Brennessel, Himbeere, Brombeere oder Klett-Labkraut gefördert. Der dadurch dichtere Bodenbewuchs konkurriert aber mit den jungen Bäumen um Wasser und Licht und verdrängt diese.

In den 80er Jahren hatte man noch große Sorgen wegen des Sauren Regens. Wie steht es damit heutzutage?

Das ist glücklicherweise heute kein Problem mehr. Der Saure Regen wurde durch Schwefeldioxid verursacht, dass in großen Mengen durch Industrie- und Kraftfahrzeugabgase emittiert wurde. Gelöst hat man das Problem durch die Rauchgasentschwefelung, und zwar weltweit! Das war eine technisch relativ einfache Maßnahme durch die diese Gefahr für den Wald beseitigt worden ist.

Wären solch einfache Maßnahmen nicht heute auch möglich im Umgang mit dem Klimawandel?

Das Problem ist, dass der Klimawandel sehr komplexe Ursachen hat. Es bräuchte weltweit einen Konsens, auch was die Maßnahmen anbelangt. Aber das funktioniert leider zur Zeit noch nicht mal in Deutschland ausreichend.

Gibt es denn auch Hoffnung? Was sind die Strategien, die die Forstwirtschaft verfolgt?

In der Forstwirtschaft bemühen wir uns, den Wald Klimafit zu machen. Es werden verstärkt Baumarten angepflanzt, die mit der Situation besser zurechtkommen. Das sind zum einen standortgerechte heimische Baumarten. Die Fichte z.B. kommt eigentlich aus dem Gebirge und ist auf viel Wasser angewiesen, sie wurzelt nicht tief, so dass sie im trockeneren Flachland nicht mehr gut gedeiht. Da sind andere Bäume besser geeignet. Dennoch kommen auch einheimische Baumarten unter extremer werdenden Bedingungen an ihre Grenzen. Daher greift man verstärkt auch auf nicht-einheimische Baumarten wie zum Beispiel die Douglasie zurück. Hier ist allerding unklar, wie das bestehende Ökosystem damit zurechtkommt. Grundsätzlich muss man weg von den Monokulturen hin zu größerer Vielfalt!

Wie vielfältig ist der Ebersberger Forst bereits?

Der Waldumbau findet hier seit über 30Jahren statt. Es gibt mittlerweile viel Laubholz in aufgelichteten Bereichen. Aber der Aufbau erstreckt sich eben auch über Generationen. Jedes Jahr kann nur ein gewisser Anteil an Bäumen ersetzt werden, weil man unterschiedlich alte Bäume haben will. Das geht insofern auch nur Schritt für Schritt und nicht schnell.

Und das hat man vor 30 Jahren schon erkannt?

Viele Akteure im Forstbereich haben schon damals die zunehmende Trockenheit bemerkt und eine gemeinsame Waldstrategie entwickelt. Seitdem konzentriert man sich auf eine andere Waldstruktur, mit anderen Mischungsanteilen und anderen Baumarten. In den 90er Jahren haben dann die schweren Stürme Vivien und Wiebke so viel zerstört, dass man da gleich die Chancen zum Waldumbau genutzt hat.

Wie sehr ist der Wald auf uns Menschen angewiesen?

Der Wald ist an sich gar nicht auf den Menschen angewiesen, aber wir sind auf den Wald angewiesen und auf Baumarten, die wir wirtschaftlich nutzen können. Holz als nachhaltiger Rohstoff ist immer noch von großer Bedeutung. Die Kunst ist, zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen einen guten Kompromiss zu finden.

Stimmt es denn, dass es trotz der erwähnten Herausforderungen mehr Wald in Deutschland gibt als noch vor vielen Jahrhunderten?

Ja, das stimmt! Vor 300 Jahren waren große Teile Deutschlands entwaldet. Die damalige Industrie, z.B. Glashütten brauchten riesige Mengen Holzkohle. Und Holz war auch als Baustoff für die Städte sehr wichtig. Hans Carl von Carlowitz, der als Oberberghauptmann für das Berg- und Hüttenwesen im Erzgebirge zuständig war, hat bereits 1713 die Gefahren der übermäßigen Abholzung erkannt und somit das Prinzip der Nachhaltigkeit entdeckt. Von Carlowitz fordert in seinem forstwirtschaftlichen Werk dazu auf, „daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentberliche Sache ist“.

Welchen Anteil haben Wälder auch bei uns für die CO2-Speicherung?

Wälder übernehmen eine immens wichtige Rolle bei der Speicherung von CO2. Ein Wald speichert die 3,68-fache Menge CO2 des im Holz enthaltenen Kohlenstoffs. Das heißt, dass in einem Kubikmeter Holz im Wald etwa eine Tonne CO2 gespeichert ist. Solange man den Wald nutzt, hat man den so genannten Produktspeicher, auch nach der Ernte der Bäume. Aber vor allem bei langlebigen Produkten wie z.B. hochwertigen Möbeln, Dachstühlen. Bei der Nutzung als Brennholz hingegen wird das CO2 gleich wieder freigesetzt.

Wie siehst du Aufforstungsaktionen?

Die können einen wichtigen Beitrag zur Wiederbewaldung übernutzter oder devastierter Standorte leisten Es kommt aber auf die Beständigkeit des Projektes an. Politische Stabilität ist dafür sehr wichtig, denn es dauert seine Zeit, bis ein Baum gewachsen ist. In Krisenregionen wird das daher oft schwierig mit der langfristigen Pflege, die sichergestellt sein muss. Super funktioniert das in China, in der Subsahara-Region Afrikas, auch aus Israel hört man von erfolgreichen Aufforstungsaktionen.

Und bei uns? Sollten man einen Baum pflanzen?

Ja selbstverständlich. Bäume pflanzen ist immer sinnvoll!

Das Interview führte Pfr. Michael Simonsen.