Unser Wort zum Sonntag

Predigt am 5. So. n. Trin. zu Lk 5,1-11 (12. Juli 2020) in Poing von Pfr. Michael Simonsen

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.


Frank, Andreas, Stefan, Regina, Thomas und David: Unterschiedliche Personen – eins haben sie gemeinsam: sie haben den Mut bewiesen, teilweise mit über 50 Jahren beruflich etwas Neues anzufangen. Bei Frank war es mit einer neuen Ausbildung verbunden, nachdem seine Firma, für die er all die Jahre gearbeitet hatte, den gesamten Laden verhökerte und ihm bald darauf klar wurde, dass das Schiff am Sinken war. Bei David war es etwas anders: Sein gut bezahlter Job als Investmentbanker wurde ihm schal. Er sagt: Menschen wie ich haben damals zu der globalen Finanzkrise beigetragen. Daraufhin hat er als Spätberufener Theologie studiert und arbeitet heute in den USA als Pfarrer.

Das, was mir diese Menschen geschildert haben, was ihnen an Veränderung widerfahren ist, geschah damals ähnlich den Männern in unserem heutigen Bibelabschnitt: Auch sie erfuhren Veränderung, eine Lebenswende. Bei ihnen war es die Begegnung mit Jesus, die sie veränderte.

Etliche Menschen suchen heute nicht mehr nur nach der nächsten Sprosse auf irgendeiner, letztlich austauschbaren Karriereleiter in irgendeinem austauschbaren Unternehmen, das irgendetwas herstellt oder auch einfach nur verkauft, und keiner weiß genau, was und wozu, so entfremdet ist man von dem, was man tut, sondern sind heute auf der Suche nach echter Veränderung und dafür sogar bereit, weniger zu verdienen, wenn sie sich endlich sinnvoller fühlen und zu ihrer Berufung finden können.

Jesus öffnet den Fischern die Augen: ‚Tagein, tagaus auf den See fahren um dort Fische zu fangen, das ist noch nicht alles gewesen‘. Aber spannenderweise bewirkt Jesus den Schub zur Veränderung nicht indem er etwas madig macht. Er führt den zukünftigen Jüngern nicht etwa ihren Misserfolg grausam vor Augen. Er nährt nicht ihre Unzufriedenheit. Er lässt sie auch nicht scheitern, damit sie aus dem Scheitern irgendwelche Lehren zögen, auch wenn wohl die meisten Menschen erst mit einem Scheitern bereit werden, über Veränderung nachzudenken. Nein, Jesus zeigt den Fischern nochmal richtig, wie es sich anfühlt, erfolgreich zu sein: Ihre Netze sind plötzlich zum Bersten voll. ‚Ha, was für ein Fang!‘ Und auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, verbunden mit dem wunderbaren Gefühl, etwas erreicht und geschafft zu haben, eröffnet Jesus dem Simon, Jakobus, Johannes und den anderen Männern eine völlig neue Perspektive, und diese Perspektive beruht auf der Erfahrung, etwas gut gemacht zu haben und etwas gut zu können. Was kannst du gut? „Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“

Manchmal können sich die positivsten Veränderungen im Leben ganz schnell und ohne Vorzeichen ergeben. Irgendwie tut sich irgendwo eine Tür auf. Und dass ich da dann hindurchgehe, dieser Schritt wird plötzlich aus dem Mut geboren und aus dem Vertrauen in den Weg. Manchmal verbergen sich aber auch hinter einer Veränderung (und wir wissen, dass das nicht nur berufliche Veränderungen sein müssen) jahrelange Leiderfahrungen: Quälende Gefühle der Sinnlosigkeit, mangelnde Wertschätzung, die das Selbstvertrauen aushöhlt, das lustlose Immer-weiter-so-im-Hamsterrad, so dass man sowieso das Gespür für jede Richtung verliert.

Ich verstehe das Evangelium so, dass Gott will, dass wir frei sind, unsere Berufung zu leben, dass wir mutig leben und dass wir Hoffnung in die Zukunft haben dürfen.

Bei Petrus ist die Begegnung mit Jesus zunächst überwältigend, sogar erschreckend, dann verändernd. Simon erkennt durch Jesus, würden wir sagen, überhaupt erst sein ganzes Potential, das was er alles tun könnte, wenn er sich endlich traute. Und er erschrickt und ruft: „Ich bin ein sündiger Mensch.“ Dahinter steckt die tiefe Erkenntnis in das menschliche Wesen! Dass ich als Mensch komplett von Gott getrennt bin, dass ich mich nicht selbst ein bisschen hier und da am Riemen reißen, sportlich stählern, kosmetisch verschönern, schicker kleiden und ganz einfach selbstoptimieren muss, um weiter zu kommen, sondern dass ich radikal auf Gott und auf Erlösung angewiesen bin. Und diese Erkenntnis kränkt den autonomen Menschen und erschüttert ihn zutiefst. „Ich bin ein sündiger Mensch.“ Das klingt Vielen zu negativ. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist die Voraussetzung für eine große positive Wende. Kürzlich las ich in der Münchener Obdachlosenzeitung ein Interview mit einem 70Jährigen, der seine überwundene Sucht nach Alkohol beschrieb. Er sagte: „Erst als ich den Kampf aufgegeben habe, als ich nicht mehr dauernd versuchte, mich von meiner Sucht frei zu strampeln, und mich ja doch nur immer weiter um meine Sucht drehte und mit allen Gedanken darum kreiste, erst da, konnte ich davon loskommen.“

Petrus sagt zu Jesus: „Ich bin ein sündiger Mensch!“ – Diese Erkenntnis ist so gesehen, keineswegs lähmend und negativ, sondern öffnet überhaupt erst das Tor zu einer neuen Wirklichkeit und Kraft. Mehr als ich Lösungen brauche, wo ich verstrickt bin, verknäuelt und verknotet in meinem eigenen Netz, brauche ich Erlösung und bete, dass mich Gott herauszieht, wo auch immer ich stecke und mir den guten Weg zeigt, der geprägt ist von Freiheit, Mut und Vertrauen. Amen.

Lied: Vertraut den neuen Wegen (EG 395)

Herr Jesus Christus, Weg, Wahrheit, Leben.
Nähre in mir die Sehnsucht statt der Unzufriedenheit,
die Achtsamkeit statt der Betäubung
und lass in mir die Erkenntnis reifen,
dass du die Veränderung schenkst,
die ich erlösungsbedürftiger, sündiger Mensch brauche,
damit ich aus deiner Gnade lebe,
berufen zur Freiheit Gottes. Amen.