Unser Wort zum Sonntag

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 13.6.2021 von Pfr. Michael Simonsen


Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten? So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. So auch ihr: Da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut. (1. Kor 14,1-12)


Am letzten Pfingstmontag ging es bereits um Sprache, nämlich um die Sprache der Liebe, mit der man Barrieren überwindet, eine Sprache die durch Gottes guten Geist in der babylonischen Sprachverwirrung Gemeinschaft stiftet. In gewisser Weise stellt diese Predigt die Fortsetzung dazu dar, denn Paulus ermuntert seine Gemeinde in unserem heutigen Predigtabschnitt: „Bemüht euch darum, dass ihr prophetisch redet!“ Diesmal geht es also um die Sprache der Prophetie.
Manchmal sagt man „ich bin kein Prophet“ wenn man meint, dass man nicht in die Zukunft schauen kann. Doch es geht in der Prophetie nicht vor allem um die Zukunft, es geht genauso um die Jetzt-Zeit, vor allem aber geht es darum, dass ein Prophet für Gott spricht. Aber es bleibt sich gleich: Wer dies ungeniert von sich behauptet, macht sich verdächtig, ein Sektenprediger oder schlichtweg verrückt zu sein.
Paulus Ermahnung kommt aus seinem Briefwechsel mit der Gemeinde im griechischen Korinth. Dort hat sich eine ekstatische Form von Frömmigkeit breitgemacht: man spricht in Zungen. Ganz ergriffen und in Trance lässt die Stimme fremde Klänge und Laute hören. Das kann man noch heutzutage mancherorts in bestimmten Kreisen erleben. Paulus konnte damit wenig anfangen. Eben weil er fand: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Das heißt, es mag ja für Körper und Geist eine Erbauung sein, etwas, das dem Menschen durchaus guttun kann, wenn ihn oder sie diese Form von religiöser Trance überkommt, aber das ist doch weit der Liebe untergeordnet. Ein Kapitel weiter nun, in unserem Abschnitt geht es dem Apostel ist wieder etwas der Verzückung übergeordnet, nämlich das prophetische Reden.
Kennen Sie das, dass jemand ganz begeistert erzählt, die Stimme überschlägt sich fast, das Sprechtempo rast und halbe Sätze werden unterschlagen? Da kann man schlecht folgen. Man merkt nur: Donnerwetter. „Die ist aber aus dem Häuschen.“ Klar, ist Begeisterung wichtig, aber ein bisschen darf es auch um Inhalt gehen. Und wenn der Inhalt nicht nur die persönliche Begeisterung, Ergriffenheit oder Betroffenheit wiederspiegelt, sondern auch Gottes Wort und man sich darüber anschließend austauschen kann und das Wort Gottes einen trägt durch den Alltag, dann kommen wir dem Anliegen des Apostel Paulus schon näher.

Predigt ist Verkündigung des Wortes Gottes. Im Mittelpunkt steht ein Abschnitt aus der Bibel, dieser soll gehört und erfasst, verstanden, jedenfalls aufgenommen werden, und zwar für das eigene Leben und die eigene Zeit. Da vermittelt sich Gott. Er spricht nach unserem Verständnis nicht aus einer Wolke oder im Traum, sondern bindet sich an sein Wort, das wir in der Heiligen Schrift haben. Hier wird aber auch klar, dass das ganz viel mit Kommunikation, also einem Austausch zu tun hat: Gott – der Bibelabschnitt – die Gemeinde mit der Person, die darüber predigt und die Personen, die es hören. Das alles muss auf wundersame Weise zusammen kommen. Das ist für mich ein prophetisches Geschehen. „Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde“ sagt Paulus und weiter: „Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“

Manchen Menschen, die ein bisschen erlebnisorientierter Gottesdienst zu feiern gewohnt sind, mit Multimedia und Schlagzeug, mit Singen und Tanzen und in Ohnmacht fallen und Lallen, für die ist ja so ein gut lutherischer, traditioneller, ordentlicher Gottesdienst etwas schrecklich Langweiliges. Aber vielleicht im Gegenteil nicht eher eine heilsame Abkühlung? Es kann eben nicht immer nur darum gehen, dass ich als Einzelner möglichst viel geboten bekomme, Spaß und Remmidemmi habe, möglichst viel fühle, tief ergriffen bin und – was freilich auch allzu schnell abflaut – in einem Augenblick der Begeisterung mein ganzes bisheriges Leben umkrempeln will. Umgekehrt geht es ja gar nicht darum, dass ich alles mit dem Kopf und ganz still und steif wahrnehme und scheinbar passiert nichts. Sondern Paulus trifft hier meiner Meinung nach im Wesentlichen eine Entscheidung gegen zu viel „Ich“ statt „wir“ und gegen eine Überbetonung des Gefühls, das sich manipulieren lassen kann noch und nöcher. Und dann sagt einer: Aber ich fühl‘ ja gar nichts. Das kann nicht wahr sein. Bei Loriot sagt die Frau zu ihrem Gatten in der herrlichen „Das Ei ist hart“-Szene: „Ich habe es im Gefühl, wann das Ei weich ist ...“ Daraufhin er: „Aber es ist hart... vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl etwas nicht...“ Sie ist entrüstet: „Mit meinen Gefühl stimmt was nicht? Ich stehe den ganzen Tag in der Küche, mache die Wäsche, bringe die Sachen in Ordnung, mache die Wohnung gemütlich, ärgere mich mit den Kindern rum, und du sagst, mit meinem Gefühl stimmt etwas nicht!?“

Das ist natürlich auch bitter. Wenn etwas mit dem Gefühl nicht zu stimmen scheint oder das jemand behauptet. „Ich bin getauft, ich bin konfirmiert, ich glaube an Gott, ich bete, ich gehe in die Kirche und mit meinem Gefühl soll etwas nicht stimmen, weil ich ja Gottes Gegenwart gar nicht fühle??!“ Bitter!- Ich möchte den Glauben, also das Vertrauen auf Gott, bitte nicht von Gefühlen abhängig machen. Das scheint nicht ratsam. Umgekehrt auch nicht stattdessen vom Verstand, von dem Luther recht unfreundliches zu vermelden hatte. Im Grunde ist der Glauben überhaupt nicht abhängig von mir und meiner Person, sondern ich bin nur Gefäß und der Glaube ist allein abhängig vom Geist Gottes und nicht von meinem Geist, Gefühl oder Verstand. Das zu wissen kann in manchen Glaubenskrisen helfen, meine ich.
Paulus hält fest: Das prophetische Reden, also dass Gott selbst redet in den Menschenworten, das erbaut, ermahnt und tröstet mich. Das ist sehr viel! Aber auch das prophetische Reden ist der Liebe untergeordnet, wie Paulus in seinem Hohelied der Liebe, ein Kapitel zuvor zu bedenken gibt: „wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Insofern bleibt der rote Faden bei Paulus: Unsere Sprache, mit der wir von Gott reden und von unserem Vertrauen in Gott, unsere Anliegen und unser Können und Wollen, müssen sich der Liebe fügen! Es gibt viele Gaben des Geistes, und in einem ganzheitlichen Sinn sind diese auch alle erstrebenswert. Aber die höchste Gabe bleibt die Liebe. Es macht einen Unterschied, ob unser Reden von Gott in der Liebe geschieht. Nur in der Liebe ist es auch Reden im Auftrag Gottes. Amen.

Lied: EG 417

Gebet: Guter Gott, sende deinen Heiligen Geist, damit ich von Dir rede in der Liebe, die du mir und allen Menschen schenkst. Lass mein Denken, Reden und Handeln in Liebe geschehen. Amen.