Unser Wort zum Sonntag

15. Sonntag nach Trinitatis: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. (2. Mose 20, Vers 12) – Pfarrer Dr. Roger J. Busch

Es geht  um das Alter, die Alten, zumindest aber um die Älteren. Wer sind denn heute die „Alten“?  Ich selbst bin ja auch schon deutlich über die 60. Wollte ich etwas anderes machen als ich dies als Pfarrer tue und müsste mich um eine Stelle in irgendeinem Unternehmen bewerben, müsste ich wohl damit rechnen, als „zu alt“ abgewiesen zu werden  – freundlich, einfühlsam, aber eben auch aus-schließend. Es gibt aber die „Generation 60+“, die „neuen Alten“, die durchaus noch die Kraft und Kreativität haben, das Steuer nochmal rumzureißen. Deren oder unsere Revolution beginnt damit, dass wir mit dem Klischee aufräumen, es sei das Vorrecht von Jungen und Wilden, Barrikaden zu stürmen und gegen gesellschaftliche Missstände aufzubegehren. Das war einmal! Man muss nicht 1968 auf die Straße gegangen sind, um mit 68 Jahren auf die Barrikaden zu gehen für eine neue Sicht auf das Alter und das Altern. Unsere Bilanz kann sich doch durchaus sehen lassen: Durch die Rushhour unseres Lebens sind wir bereits mit vollem Tempo gerast, haben Karriere und / oder Familie irgendwie koordiniert bekommen – oder auch nicht. Es hat uns jedenfalls nicht aus der Kurve geschleudert. Wir sind in den wirklich besten Jahren. Auch angesichts so mancher gesundheitlichen Einschränkungen. Wir Älteren und Alten sollten uns für eine neue Sicht auf diese Lebensphase einsetzen. Für eine neue Sicht auf uns, auf die „neuen Alten“. Alt steht nicht länger für ausgelaugt und ausgemustert. Wir – die neuen Alten – sind aktiv und autonom; wir lassen uns nicht an den Rand drängen, nicht auf irgendein Altenteil abschieben. Zumindest wollen wir nicht, dass man uns abschiebt. Warum also erfinden wir uns nicht einfach neu und starten – ganz anders als bisher – wieder durch. Bewusster, besonnener, zufriedener! Erfahrungen und Kontakte haben wir genug! Wir müssen sie nur anwenden. Und so leben wir unseren Enkelkindern vor, was für sie, wenn sie selbst mal alt sind, selbstverständlich sein wird: dass der Mensch sein Leben lang lernen kann, Altersruhe endgültig von gestern ist. Wir sagen: Da geht noch was! Damit wir uns nicht missverstehen: jedem, der mit schlichter Ruhe glücklich ist, sei diese von Herzen gegönnt. Niemand soll sich verpflichtet fühlen, nun ein „neuer Alter“ zu werden. Jenen, die womöglich ihre Tage bis zum Ruhestand gezählt haben, nun mit dem ersehnten Renteneintritt weitere Pflichten aufzuerlegen, wäre so in etwa das Letzte, was ich meinen Altersgenossen antun wollte. Im Grunde genommen sollten all diejenigen, die noch nicht so weit sind, gleichsam neidisch auf all die sein, die es ruhig angehen können. Eine gefühlte Mehrheit der Alten jedoch bedarf wohl eher der Ermutigung, sich in Neues zu wagen. Es ist schon ziemlich verrückt, was das Alter so mit einem macht. Nun, fürchte ich, wird es nicht mehr lange dauern, bis mir jemand in der S-Bahn mitleidig seinen Platz anbietet – so im Sinne von „Setz dich, Opa“. Aber! Die neuen Alten nehmen es nicht hin, dass das Alter zu so etwas wie einer totzuschlagenden Restlaufzeit verkommt.  Es gibt beeindruckende Beispiele von neuen Alten, die ihre Erfahrungen weitergeben: als Business Angels oder auch gemeinnützig und ehrenamtlich Tätige. Sie alle zeigen: Da geht noch was! Mag ja sein, dass die neuen Techniken, die unser Leben im Griff haben und für die Jüngeren mit schlafwandlerischer Sicherheit nutzbar sind, uns neuen Alten eben nicht – oder noch nicht – vertraut sind. Aber der uneinholbare Vorsprung, den wir vor den Jungen haben, ist: Erfahrung! Und Erfahrung  kann man nicht vererben. Erfahrungen muss man machen. Erfahrung ist unverzichtbar. Eine Einschränkung jedoch macht vielen neuen Alten zu schaffen: in einer durchstrukturierten Welt, in der die Computer, die immer kleiner und immer leistungsfähiger wurden und von den Nutzern immer mehr Basiswissen und Anwendungs-Fähigkeit fordern, beginnen all diejenigen, die einst fit waren, sich leise zu verabschieden aus dem Gestalten. Und wenn es ganz dick kommt, gesellt sich die Vergesslichkeit hinzu. Die hat heute pandemische Ausmaße angenommen. Da wird schon fast vorausgesetzt, dass ein Mensch im Alter von 70+ sich damit auseinandersetzen muss, dement zu werden. Wie eine Gesellschaft oder wie eine Familie, oder ein einst stabiler Freundeskreis darauf reagieren, ist zuweilen fragwürdig. An dieser Weggabelung offenbart sich, welch Geistes Kind sie sind und ob sie der biblischen Forderung aus 2. Mose 20 doch irgendwie entsprechen.

Gebet: Komm, Jesus Christus, sprich zu denen, deren Schmerzen nicht enden.
Heile durch deine Gegenwart die Leidenden: die Kranken, denen unsere Medizin nicht hilft, die Infizierten und alle, die sie pflegen, die Einsamen und die Trauernden. Komm und kehre dort ein, wo wir nicht heilen können. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch: EG 397: Herzlich lieb hab ich dich, o Herr