Unser Wort zum Sonntag

Themenpredigt 2021: Wider die Einsamkeit (21. Februar 2021), Pfarrer Dr. Roger J. Busch

Corona kann einem aus verschiedenen Gründen auf die Nerven gehen. Einsamkeit ist einer davon. Mir – und mutmaßlich auch Ihnen – fehlen Menschen. Die kleinen Begegnungen zwischendurch im Alltag. Das Grüßen, Grummeln, Plaudern, Lächeln der anderen im Büro. Die vibrierende Atmosphäre, wenn viele Besucher ins Büro kommen. Von Treffen mit Freunden oder infektions-gefährdeten Verwandten ganz zu schweigen.  Mit den Enkelkindern zuhause geht es ja noch ganz gut. Doch trotzdem fehlen mir die Begegnungen mit anderen. So wie die Sonne im Januar. Sozial-Sonnen-Bäder, für meinen Seelen-Kreislauf. Da erinnere ich mich an eine Fernseh-Serie: Eine Serie auf dem (kosten-pflichtigen) Netflix-Kanal. Die hieß „The Queen’s Gambit“ (also: Der Schachzug der Königin). Die Serie basierte auf einem gleichnamigen Roman von Walter Tevis und erzählt auf eindrückliche Weise davon, was es heißt, einsam zu sein. Die Geschichte handelt von Elisabeth Harmin, einem neunjährigen Mädchen, das in den 19950-er Jahren nach dem Selbstmord der Mutter in ein Waisenhaus in Kentucky kommt. Mathematisch hochbegabt, lernt sie vom Hausmeister im Keller des Heimes Schach spielen und entwickelt sich schnell zum Wunderkind in dem Spiel. Im heim beginnt zugleich ihre Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln, die den Kindern als „Vitaminpillen“ regelmäßig verabreicht werden. Sie wird adoptiert, geht selbstbewusst, klug ihren Weg von Meisterschaft zu Meisterschaft – und bleibt dennoch allein. Ein starkes Symbol in dem Film sind dafür ihre Kleider. Als sie ins Waisenhaus kommt, wird das Kleid, das ihre Mutter mit ihren Namen bestickt hat, weggenommen und verbrannt. Es ist ein Verlust eigener Geschichte und der Geborgenheit. Als verlöre sie eine Schicht ihrer Haut. Von ihren ersten Preisgeldern wird sie sich dann elegante Kleider kaufen – auch, um in der Schule nicht mehr gemobbt zu werden. Dann aber verstirbt plötzlich ihre Adoptivmutter, einer der wenigen Menschen, die ihr nahestehen. In ihrer Trauerhüllt sie sich in deren Morgenmantel, schläft in ihm ein. Fast wie bei einer Schutzmantel-Madonna. Liebe ist das Kleid, das sie anhat. Gegen die Nacktheit des Alleinseins. Gegen das tiefsitzende Gefühl der Waisen in ihr. In berührenden Szenen wird sie später von verschiedenen Personen eine Antwort auf diese letzte Einsamkeit erfahren. Da ist Benny Watts, ein anderes junges Schach-Genie, mit dem sie sich immer wieder misst und der sie später trainiert.

Er erklärt Elisabeth, woran es liegt, dass die Russen in dem Spiel so viel besser sind als die Amerikaner: „Weil sie einfach nicht so Scheiß-Individualisten sind wie wir. Sie helfen einander.“ Und da ist Jolene. Während Elisabeth gerade dabei ist, in Einsamkeit und Alkohol zu versinken, klingelt ihre einzige frühere Freundin aus dem Heim an ihrer Haustür. Schon als Kind rebellisch, warmherzig, sozial ist sie zur jungen, emanzipierten Kämpferin für die Rechte der Afroamerikaner geworden. Sie hilft Elisabeth, wieder klarzukommen.

Und sagt zu ihr dann diesen starken Satz: „Du bist keine Waise mehr. Wir haben doch jetzt uns!“ Ich glaube, dass es im Leben wie im Glauben genau darum geht: mit der letzten eigenen Einsamkeit umzugehen, dem „Waise-Sein“ in mir. Auch wenn man das Glück hat, als Kind von Eltern geliebt worden zu sein: irgendwann muss ich meine Eltern loslassen, äußerlich wie innerlich. Irgendwann sind sie nicht mehr da, nicht mehr ansprechbar, auch wenn das Kind in mir noch da ist. So selbstbewusst, eigenständig, erwachsen man auch sein mag. Und manchmal kann ich das auch noch bei anderen spüren. Wenn aus der toughen Managerin auf einmal das kleine Mädchen spricht, der Schuljunge aus dem gestandenen Großvater. Mit dem Wunsch, wie ein Kind in den Arm genommen zu werden, gehüllt in ein Kleid aus Liebe.

Im 27. Psalm (Vers 10) heißt es: „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.“ In dem alten Gebet Israels klingt diese urmenschliche Erfahrung an: die eigenen Eltern loslassen zu müssen. Äußerlich und innerlich von ihnen verlassen zu sein. Der Glaube hebt diese Einsamkeit nicht einfach auf. Aber er begegnet ihr auf zweifache Weise: Zum einen bietet der Glaube eine tiefe, geistliche Heimat. Die Geborgenheit in einer wirklich und wirksamen „allumfassenden Liebe“, die Raum und Zeit und Ewigkeit umgreift. Unmittelbarster Ausdruck dessen ist das „Vaterunser“, das Gebet, das Jesus Christus in der Bergpredigt seine Jünger gelehrt hat (Matthäus 6 Vers 9-13). Manchmal sind solche Texte schon allzu sehr vertraut. Denn man muss sich klarmachen, was wir damit alles sagen, wenn wir so beten. Der Ursprung der Welt, der Grund allen Lebens, von Menschen, Tieren, Pflanzen, begegnet uns persönlich als mütterlich, väterliche Liebe. Und wir können zu diesem Grund, zu Gott sprechen wie zu einem Vater oder einer Mutter. So verloren ich mir auch immer wieder vorkommen mag, erschließt sich mir zugleich eine andere Sicht der Welt. Licht und Dunkelheit, Nacht und Tag werden zu Kleidern, mit denen Gott mich liebend umhüllt.

Zum anderen lerne ich im Glauben, die anderen Menschen als meine Geschwister zu sehen. Das gehört mit zum ersten unlöslich zusammen: Wenn ich Gott wirklich als Vater und Mutter erfahre, werden mir alle Menschen zu Schwestern und Brüdern. Unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Kultur oder ihrem Aussehen. Gotteskinder sind niemals Einzelkinder! Und gerade dann, wenn sich mir alle, wirklich alle Menschen als Brüder und Schwestern erschließen, beginne ich etwas von dieser „all-umfassenden“ Liebe Gottes zu begreifen – die wie die Sonne aufgeht über Gut und Böse (Matthäus 6 Vers 45). „Du bist keine Waise mehr. Wir haben doch jetzt uns.“ Das wäre ein Gutes im Schlechten, wenn wir uns durch Corona etwas von unserem zuweilen fragwürdigen „Individualisten“-Dasein befreien können.

Wenn es mir nicht egal ist, wie mein Nachbar ökonomisch, psychisch, gesundheitlich durch die Pandemie kommt. Wenn ich auf meine Freiheit verzichten lerne, auch um andere zu schützen. Wenn ich die Fallzahlen aus anderen Ländern nicht als gesundheitspolitischen Wettkampf begreife, sondern als tiefe Verbundenheit – weil wir das Virus nur gemeinsam besiegen können.

Meine aktuelle Heldin – auch gegen Corona-Einsamkeit – ist daher meine Enkelin Madita. Einfach mal bei den anderen klingeln. Auch wenn das Gespräch gerade nur zwischen Fenster und Straße stattfindet.

Keines unserer Geschwister darf jetzt verlorengehen. Denn ohne sie drohen wir selbst zu verwaisen. Deshalb: Gott schenke uns die Aufmerksamkeit füreinander.

Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.